Warum Fantasy?

Nun, da gibt es diverse Gründe.

Zunächst eignet sich dieses Genre sehr gut zum Eskapismus. Dies ist das Eintauchen in eine von jemand anderem erdachte Welt, mit dem Ziel, die gegenwärtige zu vergessen. Das soll aber nicht als Vergessen-wollen verstanden werden, sondern als geistige Reise. Und da mein Kopfkino nun mal gut funktioniert, ergibt sich meiner Meinung nach die Affinität zu Fantasy wie von selbst: Die Beschreibungen einer sowohl (mit jedem neuen Titel) unvertrauten als auch (durch die bekannten Themen, Stereotypen und Figuren) vertrauten Welten, Wesen und Schauplätzen bringen mich dazu, quasi die Handlung mitzuerleben. Ich bin sozusagen der zehnte Gefährte. Man leidet mit, freut sich für die Helden und atmet die Geschichte. Ich finde das großartig – meine Mitmenschen meist nicht, denn ich bin in der fiktiven Welt gefangen und rede sehr viel davon. Oft quassele ich Leuten die Ohren voll, die gar keine Ambitionen hegen, alles Details der Beziehung von Richard und Kahlan zu erfahren (um bei meiner gegenwärtigen Lektüre, „Das Schwert der Wahrheit“, zu bleiben; ein wunderbarer Stoff – da! es geht schon wieder los). Hiermit ein großes DANKE und ENTSCHULDIGUNG an alle, die das treu (oder resigniert) ertragen.

Jedenfalls… kann mir niemand erzählen, die eskapistische Komponente würde bei der Fantasy-Lektüre keine Rolle spielen. Für Science-Fiction gilt dasselbe, denn das ist futuristische Fantasy, meines Erachtens.

Das führt mich auch schon zu Punkt Zwei: Wer hat sich in seiner Jugend nicht gewünscht, Ritter, Pirat oder Indianer zu sein? Fantasy deckt diesen Bedarf. Man kann sich wie ein Drachentöter oder Ringträger fühlen, oder das alles wirklich durchmachen zu müssen. Die Figur erlebt und erduldet alles. Wir können jederzeit das Buch schließen und sagen: „So, morgen geht es weiter, das ist mir jetzt zuviel.“, aber wenn wir dann weiterlesen, geht es für die Figur unvermindert weiter. Auch wenn ich im sechsten „Harry Potter“-Band an der Stelle auf dem Astronomieturm das Buch zuklappe, der gelähmte und unsichtbare Harry wird trotzdem still leiden, wenn der entwaffnete Dumbledore mit Draco und Co. redet. Und das folgende passiert trotzdem. Wir müssen das nicht real mitansehen. Das ist dann aber auch die Kehrseite – auch die schönen Ereignisse in den Fantasyromanen können wir immer wieder erleben und uns daran erfreuen. Aber auch sie gehen vorbei, egal wie oft wir die Stelle von Aragorns Krönung lesen, sie vergeht. Auch Literatur ist Kunst, und Kunst bildet das Leben ab (Darüber habe ich mal eine anregende Diskussion geführt – vielleicht lege ich meinen Gedanken hier einmal dar). Und das Leben lässt es nicht zu, dass wir innehalten, es läuft weiter. Wir mögen uns erinnern, aber die Erinnerung wird nie so intensiv sein wie das Ereignis an sich. Auch wird das abermalige Lesen der Beschreibung, wie der Mülleimermann die Benzintanks hochjagt, nie so eindringlich sein wie beim ersten Mal.

Das impliziert, dass die Charaktere gewissermaßen real sind und leben, was sie meiner Meinung nach auch gewissermaßen tun. Es gibt Charaktere, die ich so gut kenne wie meine Freunde, vielleicht sogar noch besser, denn ein Autor kann jederzeit die tiefsten Seelenqualen seiner Figur offenbaren, Dinge, dir mir ein Freund vielleicht ungern sagen würde (die mich bei aller Neugier, auch nichts angehen). Sie leben in meiner Vorstellung, ich mache mir ein Bild von ihnen, tauche in sie ein. Manche Bücher, die ich oft lese, enthalten Charaktere, die mir zutiefst sympathisch sind, die mir Geborgenheit vermitteln in ihrer Vertrautheit, mit denen ich mich identifizieren kann.

Identifikation. Auch hier wieder ein Fall von Idealisierung: Man stellt sich vor, man wäre Geralt von Rivien, der das ganze Viehzeug abschlachtet (aus wenn der Gute eine sehr unschöne Konditionierung und was weiß ich nicht noch alles hinter sich hat). Oder ein mächtiger, allwissender Magier, der insgeheim die Fäden zieht. Überlegt mal.

Das ist nicht schlecht, denn vielleicht bringt es einen dazu, die Welt aus der Perspektive des Helden zu sehen und sich in Krisen zu fragen: „Was würde … tun?“ Ich habe das zwar noch nie gemacht, aber ich weiß auch nicht, wie Samweis Gamdschie eine Bachelorarbeit angehen würde. Wahrscheinlich ruhig, methodisch und gelassen, wie beim Gärtnern. „Komm schon, Frau Annie, die drei Seiten schaffst du auch noch. Du hast noch gar nichts über … geschrieben.“ Hmmm… Ich sollte mich daran erinnern, wenn’s ernst wird.

Es soll ja auch Menschen geben, denen Fantasy nicht gefällt. Ich kenne welche. Und ich finde das nicht schlimm. Fantasy ist Geschmackssache, und sie enthalt viele Subgenres. Mich fasziniert die sogenannte „High Fantasy“, die auf den Spuren Tolkiens wandelt. Ihr wisst schon, dicke, mehrbändige („Der Dunkle Turm“: 7, „Schwert der Wahrheit“: derzeit 11 Bände) Wälzer über Das Große Thema: der Kampf von Gut gegen Böse. Daneben gibt es noch Urban, Romantic, Dark Fantasy und weißt der Henker was. Toll ist auch Fantasy, die sich überhaupt nicht ernst nimmt und dabei noch ernste Themen anspricht. Wer das mag oder versuchen möchte, es zu mögen, dem seinen Terry Pratchett und Andrzej Sapkowski empfohlen. Ersterer für die, die es schräg mögen, und letzterer für die Freunde der Ironie. Wo schubladisiert man die eigentlich ein?

Mein Anspruch an Fantasy (ja, den habe ich) ist schon hoch: Verschont mich bitte mit schmalzigem Liebesgedusel á la „Twilight“. Da muss ich brechen. Ich habe nichts gegen eine schöne Liebesgeschichte, die mit Widerständen welcher Art auch immer zu kämpfen hat, um es am Ende doch noch zur Vereinigung (huch, zweideutig) zu schaffen. Aber bitte nicht derart unrealistisch. Aber gehen von der Kritik an gewissen Vampirstorys (Ein letztes noch: Buffy würde nur müde lächelnd den Pflock spitzen) hin zum eigentlichen, ehe ich vollends den Faden verliere.

Meine Ansprüche sind neben glaubwürdigen Charakteren (bitte keine allzu stereotypen Figuren, ja?) und einer fesselnden Geschichte (ich bin ziemlich duldsam, was Längen angeht – das muss man als Stephen King-Leser sein…) auch eine interessante Welt. Der Autor muss jetzt nicht die Fantasy neu erfinden, aber nur das altbekannte Personal in die Gegend zu stellen reicht nicht. Bei Sapkowski werden manche Dinge völlig neu gedeutet, dass ist großartig. Was er aus dem Märchen von Schneewittchen macht, ist klasse. Das gefällt mir, genauso wie das Verarbeiten ernster Themen in witzige Storys bei Pratchett. Kluge Fantasy, das mag ich. Oder einfach ironische, wie „Bartimäus“. Trotz allem, Gefühl muss drin sein. Ich bin eine Frau, verdammt.

Damit soll’s auch schon vorbei sein. Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal gebloggt habe, ich hoffe, der längere Text entschädigt.

[Anmerkung: Alle im Text erwähnten Bücher habe ich gelesen. Nicht, dass ihr das nicht wüsstet, aber nur um sicher zu gehen…]

Musik:

Editors – An End Has A Start (Album)

White Lies – To Lose My Life (Album)

Buch:

Terry Goodkind – Das Schwert der Wahrheit, Band 2: Die Schwestern des Lichts

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