Reflexionen über meine Großmutter

Meine Oma ist am Montag 90 Jahre alt geworden. So lange zu leben erscheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt unfassbar. Ich bin zwar selbst keine 20 mehr. Doch im Fall meiner Oma ist das ein Viertel ihres Lebens. Gesetzt dem Fall, ich werde so alt wie sie, habe ich erst ein Viertel meines Lebens hinter mir; und wenn auch so manche Zeitspanne dahinzufliegen scheint (das Praxissemester zum Beispiel), ist die Zeitspanne zwischen jetzt und meiner Geburt doch… lang.

Ich hatte bisher kein übermäßig aufregendes Leben, und doch habe ich bereits eine Menge erlebt, Höhen, Tiefen, Erfolge, Rückschläge, große Gefühle, das volle Programm. Wenn das erst ein Viertel von dem ist, was ich insgesamt erleben werde… Jungejunge. Meine Oma ist Jahrgang 21. Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Bevor sie es vergaß, hat sie mir oft davon erzählt – ich war bestimmt erst fünf, als sie es zum ersten Mal erzählte. Jetzt, wo ich alles besser einordnen könnte, kann sie es nicht mehr. Das macht mich traurig. Dann kam in ihrem Leben die komplette deutsche Teilung, die Wende, das neue Jahrtausend, hunderte, nein tausende großer und kleiner Ereignisse, irgendwann zwischendurch starb ihr Mann….

Nun gut, auch ich kann einige Weltgeschehnisse „verbuchen“, aber ich denke (und hoffe innigst), dass ich so große, meine Vorstellungskraft übersteigende Dinge nicht erleben werde. Einen Krieg zu erleben, im Kriegszustand zu sein, geht über mein Vorstellungsvermögen weit hinaus. Ich hoffe, dass es aus Mangel an Gelegenheit dabei bleiben wird.

Meine Oma hat Demenz. Körperlich ist sie für ihr Alter fit. Sie hat zwar ein bisschen Wasser in der Lunge und erkältet sich neuerdings öfter mal, aber sie läuft gut, isst gut und sieht noch verdammt gut aus für 90. Leider ist sie nur körperlich fit. Manchmal muss ich ihr sagen, dass ich ihre Enkelin bin. Sie bringt meine Mutter und ihre Schwester durcheinander. Oder mich und meine Mutter. Man braucht sie nicht zu fragen, was es zum Mittagessen gab, Oma weiß es nicht. Immerhin, die ganz alten Informationen sind noch auf ihrer bröckelnden Festplatte eingeschrieben, wo sie mit ihren Eltern gewohnt habt und so.

Bevor sie ins Altersheim kam, hatte sie akustische Halluzinationen, dachte, unten vorm Haus würden Leute schlecht über sie reden. Sie war allein, das bekam ihr nicht gut. Für sich sorgen konnte sie am Ende auch nicht. Wir hatten immer Angst, dass sie vergisst, dass sie was auf dem Herd hat und die Wohnung dann brennt.

Immerhin, jetzt geht es ihr, soweit wir das beurteilen können, ziemlich gut. Selbstverständlich sind Altersheime deprimierend, wer möchte schon gern mit Endgültigkeit konfrontiert werden? aber ihre Situation ist soweit stabil. Man weiß ja nicht, was in ihr vorgeht. Zum Vergessenen gehören auch Wörter.

In meinem Portemonnaie trage ich zwei Fotos bei mir: eines mein Freund, das andere meine Oma. Es wurde aufgenommen, als sie Anfang zwanzig war, also ungefähr in meinem Alter. Es ist irgendwie sepiafarben, und ich liebe es sehr. Ich habe es auch im Kopf, aber ich zeige es auch gern anderen. Neulich habe ich es Oma gezeigt und sie sagte sofort: „Das bin ja ich!“ – ich hätte weinen können vor Freude. Freunde sagen, dass ich ihr auf diesem Foto ähnlich sehe.

Ich weiß nicht, warum ich so an ihr hänge. Sie war nie eine „typische“ Oma. Wenn wir sie besucht haben, lief ein Schlagersender und ich kramte in den Schubladen der Schrankwand. Die waren voller faszinierender Knöpfe, Garne und Zeug. Und es gab immer eine Scheibe Knäckebrot mit Butter. Und der Geruch… Den werde ich nie vergessen. Das letzte Mal habe ich ihn gerochen, als wir ihre Wohnung ausgeräumt haben. Ich hätte so viele Erinnerungsstücke mitnehmen wollen – letztlich war es das Bild und ein bisschen Krams, einfach, weil es nicht viel mehr gab.

Ich weiß nicht, was ist, wenn sie sterben sollte. Selbst wenn sie mich am Ende überhaupt nicht mehr erkennen sollte: Ich kann den Gedanken nicht ertragen.

One thought on “Reflexionen über meine Großmutter

  1. Ich musste beim Lesen schmunzeln, weil mich einiges an meine Oma erinnert. Wirklich gelungene Liebeserklärung und alles erdenklich Gute von mir😀

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