Fernweh

Was hört man, wenn man Sehnsucht nach der Ferne hat? Ich habe das selbstbetitelte Album von Bon Iver gewählt, da die Titel fast ausschließlich mit Städtenamen bezeichnet sind, wenngleich die Titel der Städte nicht unbedingt mit meinen Wunschzielen korrespondieren. Ein Reisealbum also.

Fernweh streifte mich heute gleich drei Mal: Zunächst in der „Bild der Frau“ (hüstel, hüstel, meine Mutter liest sie und ich kam nicht umhin, einen Blick hineinzuwerfen). Dort stand ein Bericht über eine Familie, die einfach mit dem Wohnwagen losgezogen waren, immer nach Osten.

Mir gefiel dieser Gedanke außerordentlich. Schließlich verlangt es mich schon einige Zeit, den Kaukasus zu sehen, auf der mongolischen Steppe zu gehen und die Wege Alexanders des Großen zu beschreiten. Nicht, weil ich ihn besonders verehrte, sondern weil er dort nun einmal entlang gezogen ist. Wäre mein Interesse an China größer, hätte ich Marco Polo genannt.

Zweitens war es eine Reportage über die Seidenstraße, die meine Mutter vor dem Abendessen sah und die ich ebenfalls nicht umhin kam zu verfolgen (trotz eingeschaltetem Laptop und laufendem „The Witcher“-Spiel). Die Städte klangen nach Verheißung: Samarkand, Buchara, Bischkek; der Pamir. Wie gern würde ich es dieser Familie gleich tun, ein Wohnmobil mieten, meinen Freund (Mann für brenzlige Situationen – wir queren schließlich islamische Länder) und meine Zwillingsfreundinnen (ebenfalls fernweh-krank) sowie die ehemalige Mitbewohnerin (Russisch-Kenntnisse!) mitnehmen und losfahren, immer in den Sonnenaufgang. Das hat etwas ungeheuer Romantisches. Wobei ich auf meinen Freund wohl verzichten müsste: Er zeigte Abneigung gegen diese Ziele, als es einmal erwähnte.

Um dies auszugleichen, wäre eine Reise nach Lappland, wie sie im heutigen Reisblatt der FAZ beschrieben wurde, möglich. Ich würde wohl das erste Mal saunieren müssen, aber das ist das kleinste Problem. Einmal in meinem Leben möchte ich den Polarkreis überqueren und die Mitternachtssonne, Nordlichter und Rentiere sehen. Ja, das gefiele mir.

Mich wundert nur, dass mir bei diesen Reisen immer ein Wohnwagen vorschwebt, ein großes Fahrzeug (wir wären theoretisch ja 5 Personen), mit Solarzellen und Kachelofen, mit dem wir durch die Lande schaukeln. Normalerweise bin ich noch nicht einmal für’s Zelten zu begeistern, aber mit dem Wohnwagen auf der Seidenstraße klingt richtig. Wie die Karawanen.

 

Hauptsache, mir ergeht es nach der Heimkehr nicht wie dem Sprecher im Echtermeyer-Zufallsgedicht, das ich heute ausgesucht entdeckt gezogen habe:

 

Thomas Rosenlöcher – Heimkehr des Odysseus

Von ferne Rauch. Dann Wald

aus Schrott. Gebirge von Geröll.

In einem Keller eine Vettel

und ringsum aufgestapelt Männer,

die wir begruben. Ein Jahr Arbeit.

 

Wo sollte ich mein Ithaka noch suchen.

 

Ich blieb. Aus Löchern kroch etwas

wie Menschen. Ich verhieß:

Dies Land wird Ithaka

und unser sein. – Sie setzten das Geröll

zu Häusern auf. Doch wenige Gefährten.

 

So waren Wunder nötig: Ich erkannte

in jener Vettel Penelope wieder

und legte fest, dass sie von Schönheit sei,

und ich, Odysseus, unbeirrbar.

 

Die Berge ließ ich zum Beweis

umbrechen, bis sie meinem Haupt,

das längst von Frösten kahl war, glichen –

 

doch die Bewohner wandten sich,

von Fleisch geknebelt, in die Häuser ab

und murrten lautlos, seltsame Kyklopen.

 

Da saßen die Gefährten sicher

und wuchsen fest, Kentauren,

indem die zart gemaserten Gesäße

den Lauf der Zeit in Jahresringen zählten,

sodass, wo Mensch war, schon der Stuhl begann.

 

Doch eines Nachts, als sich der Himmel

wie sonst nie überm Ozean weitete,

stand über mir im Raum ein Schiff,

von dem ein schwaches Licht auf dieses Eiland fiel.

 

Ein hübscher Zufall, der mich dieses Gedicht treffen ließ. Mir gefällt die Idee, dass Odysseus, der Irrfahrt müde, einfach die nächstbeste Insel als die seine deklariert; der nicht unbedingt wie ein schöpferischer Prometheus, sondern mit verzweifelter Kreativität auch Dorfbewohner und Gefährten zu überzeugen sucht.

Mir gefällt auch, dass die Unregelmäßigkeiten in der Strophen/Zeilen-Verteilung das Gedicht auch äußerlich widerspiegeln: Etwas stimmt hier nicht. Wäre es das echte Ithaka, gäbe es nur in vierzeiligen Strophen zu berichten, dessen bin ich mir sicher.

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