Albumkritik: Soulsavers „The Light the Dead See“

Quasi als Überbrückung zum neuen Depeche Mode-Album (es hat noch keinen Namen, kein VÖ-Datum – aber ich schon Tickets für die Tour, hehe) habe ich mir zu Weihnachten das neue Album der Soulsavers gekauft. So richtig, auf CD.

Die Soulsavers sind, wenn ich das richtig mitbekommen habe, zwei Jungs, die sich für jedes ihrer Alben Gastmusiker/-sänger holen. Dieses Mal war es, man ahnt es, Dave Gahan, der Sänger von Depeche Mode. Er hat außerdem alle Texte selbst geschrieben.

Ich höre das Album nicht zum ersten Mal, man kann die meisten Songs (und andere der Soulsavers) auf Soundcloud anhören. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mir die Unterstützung der Musikindustrie nicht verkneifen konnte😉

Das Artwork zeigt ein Grammophon, aus dem Rauch steigt, der eine verschwommene Figur mit Totenschädel bildet. Zu meiner Überraschung stammt es laut Credits von einem Tattoo-Künstler. Sehr schön auch die letzte Zeile der Danksagungen: „Soulsavers are self-managed.“😉

Nun zu den Liedern im Detail.

1) La Ribera: Das Einleitungsinstrumental spiegelt den Grundton des Albums gut wieder – melancholisch, aber kraftvoll. Das Harmonium dominiert, im Hintergrund spielen dezent Streicher; und man erwartet jeden Moment, dass Gesang einsetzt.

2) In the Morning: Der Gesang kommt natürlich erst im zweiten Titel, nach einem Streicherintro, das von einem nicht ganz Midtempo-Beat und Synthies in den Hintergrund geschoben wird. Ich mag Streicher und finde, dass die Kombination von Pop und Klassik so am besten ist: Nicht auf die David-Garrett-Art, sondern mit einer starken Stimme, wie Dave Gahan sie hat (wenn er will), und in Verbindung mit einem guten Rhythmus und Synthies.

3) Longest Day: Hach, was liebe ich diese Single. Daves Stimme ist wun-der-bar, der Song ist rund. Und der Text trifft mich genau in Herz. Klingt kitschig, ist es aber nicht.

Er beginnt recht sanft mit einem Gitarren-/Piano-Part, steigert sich aber zum Refrain hin. Ich konnte ungefähr nach dem zweiten Mal hören mitsingen. Die Damen im Hintergrund klingen manchmal fast wie Martin Gore, wenn er auf Depeche Mode-Liedern die Zweitstimme gibt. Absolut mitsingtauglich, wenn auch eher Ballade. Außerdem sehr, sehr, sehr radiotauglich, ich kann mit Abmoderation in den letzten Takten vorstellen, ich höre sie ja fast schon – wenn sie’s doch nur spielten.

4) Presence of God: Jetzt wird es noch ein wenig ruhiger, fast schon intim. Die einzige Begleitung zum Gesang sind eine Gitarre und der Hauch von Streichern. Somit stehen Stimme und Text im Vordergrund. Insbesondere der Refrain ist hier großartig. Ich neige dazu, Lyrics auf mich und mein Umfeld zu beziehen – eine genaue Erklärung, warum mich diese Zeilen so ansprechen, wäre dann doch zu persönlich…

5) Just try: Es gibt zu wenige Songs, in denen man Daves Stimme mit einer Frauenstimme im Duett hört. Es gäbe so viele denkbare göttlich Kombinationen (ich werde mal darüber bloggen, mit Beispielvideos und so). Hier gibt es immerhin die Ladys vom Backgroundchor. Auch dieser Song hat hauptsächlich Gitarrenbegleitung, so dass der Text betont wird. Dieser könnte mit seinem ruhigen Aufmuntern „Just Try“ auch aus der Feder Martin Gores stammen – nur wäre er dann natürlich völlig anders verpackt. Glaubt ihr mir nicht, aufbauende Texte bei Depeche Mode? Glaubt mir. Es gibt sie.

6) Gone to far: Nach zwei eher stillen Songs schließt die erste Hälfte des Album mit einem sich rasch steigernden Song ab. Die Texte wären einen eigen Post wert… Ich mag Daves Stimme ja in allen Lagen – egal ob er hoch singt, haucht oder das kratzig-dreckige rauslässt. Hier gibt es alles davon, in ausreicher Menge und perfekt gesteigert: Wieder ein eher langsames Intro und dann kippt die Stimmung, wird lauter, aggressiver, dreckiger. Aber nur kurz. Dann fällt er wieder in die ruhige Stimmung zurück – Song vorbei. Ein winziges bisschen enttäuschend.

7) Point Sur Pt.1: Das zweite Instrumental. Wo ist eigentlich Pt.2 abgeblieben? Gibt’s das dann als B-Seite? Oder ist das ein Joke?Ich werde es wohl nie erfahren.

Schön getragen, leitet es nahtlos in den Titel Nummer zehn über.

8) Take me back Home: Die Harmoniumdichte auf dem Album ist wunderbar. Das Stück hier ist fast schon soulig zu nennen. Daves Gahan ist meines Wissens Fan von Marvin Gaye und Soul im Allgemeinen, der Einfluss ist (soweit meine bescheidenen Kenntnisse das erlauben) doch spürbar. Die Melodielinie des Harmoniums erinnert mich ein wenig an „A White Shade of Pale“… Sehr schön auch das Ende des Songs, in dem die Musik endet, und der Refrain ein letztes Mal ohne musikalische Begleitung von Dave und den Ladys vom Background-Chor gesungen wird.

9) Bitterman: Ganz großes Damentennis. Ganz groß. Erst wickelt er dich mit zartestem Bariton ein, und dann, im Refrain, steigert sich alles wieder. Der Höhepunkt der zweiten Hälfte. Bringt Bilder vors innere Auge und lässt mich wieder mal wünschen, ich wäre Musikvideoregisseur geworden. Chor, Bläser, alles passt. Auch hier recht eingängiger Refrain. Erst „Loverman“ von Nick Cave hören, dann „Bitterman“. Oder umgekehrt.

10) I can’t stay: Beginnt fast wie ein Schlummerlied. Aber das trügt – im Text geht es um eine mögliche Trennung. Das aber so schön gesungen, dass man unweigerlich seufzt. Also, ich zumindest. „Man“ ist ja hier grundsätzlich ich. Das lyrische Ich weiß, dass es nicht mehr lange dort bleiben kann, wo es sich jetzt befindet – aber durch den zarten Gesang wirkt es noch nicht so dringlich, eher unterschwellig ratlos: „I feel like my time is running out / I know that much for sure“.

11) Take: Der vorletzte Titel ist eine Ballade. Wie es sich gehört, mit tröpfelndem Piano und Streichern. Aber auch hier wird bald etwas angezogen, und langsame Passagen wechseln sich mit schnelleren ab. Das ist für mich der schwächste Titel, da bleibt nicht allzu viel von hängen.

12) Tonight: Der Abschluss des Albums wartet noch mal mit allem auf, was man in der vergangenen dreiviertel Stunde gehört hat: etwas schnelleres Tempo, Harmonium, Chor, diesen Beat, den ich immer mit Jazzbars verbinde, ein flexibel singender Dave und E-Gitarre bzw. Synthies. Der Kreis schließt sich somit.

Ja, man merkt, dass ich ein Fan von Dave Gahan bin. Objektiv ist daher natürlich unmöglich. Das Album gefällt mir sehr gut – offensichtlich. Es ist ein Winteralbum, das ich im Sommer wohl eher in melancholischen Momenten hören werde – abends, vermutlich. Ich teile Alben eher nach Jahreszeiten und Stimmungen ein. Die Grundstimmung ist überwiegend ruhig, ich werde es immer als „ruhig“ betrachten, wenn ich überlege, was ich hören möchte – was hier die schnelleren Songs sind, geht in manchen Genres wohl nicht mal als Ballade durch…

Fazit: Trotz kleinerer Schwächen, wie dem schwachen 11. Titel und dem zu schnell endenden „Gone too far“ eine glatte Eins. Ich klick dann mal auf Repeat.

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